Multi-Metering als Grundlage für effektive ESG Strategien

Ruben Haas

Der Gebäudesektor mit Schlüsselrolle auf dem Weg zur Klimaneutralität

Im April letzten Jahres bestärkte die EU erneut ihre angestrebte Vorreiterrolle bei der Treibhausgasreduktion und erhöhte das Zwischenziel für 2030 signifikant um 15 % – bei dem weiterhin bestehenden Endziel der Klimaneutralität bis 2050.

Als besonders energieintensiver Sektor nimmt die Gebäudewirtschaft auf diesem Weg zu “Net Zero” eine absolute Schlüsselrolle ein. So stellt beispielsweise die Deutsche Energie Agentur (DENA) fest, dass für eine reelle Chance auf Einhaltung gesetzter Klimaziele allein bis 2030 eine Reduktion der CO₂-Emissionen im Gebäudesektor um 44 % notwendig ist. Im Rahmen der Energie-Effizienz-Direktive (EED) greift die EU diese Relevanz auf und definiert bis 2030 spezifische Maßnahmen für mehr Transparenz, Flexibilität und Innovation in Bezug auf die energetische Gebäudebewirtschaftung in ihren Mitgliedsstaaten.

Besonders im Lichte wachsender Unsicherheit auf den Energiemärkten und steigender Preise für die Endverbraucher gewinnt ein effizienter Umgang mit Ressourcen zudem an realwirtschaftlicher Relevanz. Auch auf den Finanzmärkten gewinnen verantwortungsvolle Investments, die neben wirtschaftlichen auch Umwelt- und Sozialfaktoren betrachten, stetig an Bedeutung. Nicht zuletzt Larry Fink, CEO von Branchenprimus Blackrock, forderte beispielsweise eine klare Strategie aller Portfoliounternehmen zu einer CO₂-neutralen Gesamtwirtschaft.

Fehlende Transparenz verhindert die Erschließung enormer Energiesparpotenziale

Sowohl Endnutzer von Energie in Gebäuden, als auch Asset-Manager und Immobilien-Verwalter sehen sich in diesem Zusammenhang mit einem fundamentalen Problem konfrontiert – mangelnde Vebrauchstransparenz. Neben den sehr langen Messzyklen etablierter Energiedienstleister (i.d.R. jährlich) ist dies vor allem der Tatsache geschuldet, dass meist mehrere Anbieter für die Energiemessung einer einzelnen Immobilie verantwortlich sind. Neben Messdienst-Firmen, die Heizenergie und Wasserbrauch in Mehrparteienhäusern auf Wohnungsebene messen (Submetering), gibt es weitere Akteure, die den Wärme- und Wasserverbrauch am Hausanschluss messen (Metering), – sowie wiederum andere Firmen, die sich um den Stromverbrauch kümmern. Folglich sind drei unterschiedliche Dienstleister pro Immobilie keine Seltenheit. Diese parallele Infrastruktur basiert auf proprietären Mess-Systemen, die a) nicht miteinander kommunizieren und b) nicht auf hochfrequente (z.B. tägliche) Auslesung ausgelegt sind. Dies verhindert eine einheitliche, transparente Datenbasis und macht einen holistischen und fortlaufenden Überblick über den Energieverbrauch nur schwierig realisierbar. Dadurch wird ein Monitoring und Steuern von Energieeffizienzmaßnahmen de facto unmöglich. Ein enormes Einsparpotenzial bleibt ungenutzt.

Digitales Multi-Metering: Ein holistischer Ansatz für notwendige Transparenz

Ein digitales Multi-Metering-Konzept, welches die Verbrauchsdaten aller Energieträger in Immobilien auf Basis eines vollständig digitalen und gleichzeitig offenen Ökosystems in Echtzeit für Endverbraucher, Eigentümer und Verwalter nutzbar macht, setzt genau bei den zuvor genannten Herausforderungen an.
Die entstehende Verbrauchstransparenz ermöglicht ein regelmäßiges und individualisiertes Feedback zum eigenen Energieverbrauch für den Endverbraucher über alle Energiesparten hinweg. In der Praxis empfangen Endverbraucher, also beispielsweise einzelne Mieter, in einem solchen digitalen Multi-Metering-Konzept ihre individuellen Verbrauchsinformationen per App auf ihrem Smartphone und erhalten darüber zusätzlich auf ihr Konsumverhalten zugeschnittene Vorschläge zur Reduktion des eigenen Energiebedarfs. Unabhängige Studien zeigen konsistent, dass die realisierbaren Verbrauchseinsparungen mit 10-20 % ein signifikantes Niveau erreichen.

Eine Ebene darüber können Eigentümer und Asset-Manager auf zuverlässige und schnell verwertbare Verbrauchsdaten ihres Immobilienportfolios zugreifen, die ihrerseits zum Monitoring und zur präzisen Optimierung von Energieanlagentechnik eingesetzt werden können. Bereits heute werden im Rahmen von Multi-Metern-Konzepten auf Basis hochfrequenter Zählerdaten weiterführende Mehrwertdienstleistungen realisiert. Dazu zählen beispielsweise die Früherkennung von Leckagen und algorithmische Steuerung von Wärmeerzeugungsanlagen. Eine solche Steuerung bietet die Möglichkeit, die Effizienz existierender Anlagen drastisch zu erhöhen und kann so weitere Einsparpotenziale im zweistelligen Prozentbereich erschließen.

Letztendlich schafft ein Multi-Metering-Konzept Mehrwert für alle beteiligten Parteien und ist damit in der Immobilie der Zukunft unentbehrlich. Als Digital First Ansatz fügt sich Multi-Metering nahtlos in ein smartes und offenes Ökosystem aus einer Vielzahl an digitalen Gebäudeservices ein und kann Grundlage neuer und innovativer Geschäftsmodelle in der Immobilienwirtschaft sein. Denkbar sind beispielsweise Mieterstrommodelle, in denen der Immobilieneigentümer als Stromversorger seiner Mieter auftritt, sowie Angebote zu Elektromobilität.

Multi-Metering ist damit nicht nur die Grundlage für eine effektive ESG Strategie jedes Immobilienunternehmens, sondern ein wichtiger Pfeiler der Klimawende als Ganzes.

Multi-Metering ist damit nicht nur die Grundlage für eine effektive ESG Strategie jedes Immobilienunternehmens, sondern ein wichtiger Pfeiler der Klimawende als Ganzes.

ESG-Faktoren im Blick

Vollständige und belastbare Verbrauchsdaten sind gerade für Unternehmen in der Gebäudewirtschaft unabdingbar bei der Bewertung sogenannter ESG-Maßnahmen [Environmental, Social, Governance] – denn ESG spielt bei Fragen der Unternehmensfinanzierung eine immer bedeutendere Rolle. Die Wirtschaftsprüfung PwC zeigte erst letztes Jahr, dass fast 80 % aller befragten Investoren das ESG-Konzept eines Unternehmens berücksichtigen, und die Hälfte aller Investoren Gelder zurückziehen würden, wenn der Eindruck entsteht, das jeweilige Unternehmen ergreife keine ausreichenden ESG-Maßnahmen.

Multi-Metering ist damit nicht nur die Grundlage für eine effektive ESG Strategie jedes Immobilienunternehmens, sondern ein wichtiger Pfeiler der Klimawende als Ganzes, da es:

  1. Entscheidungsträger schnell und umfassend über den Status Quo Verbrauch der Liegenschaften informiert
  2. Optimierungspotenziale im Wärme-, Wasser-, Strom- und Gasverbrauch identifiziert
  3. Feedback aus verhaltensbasierten Energie-Effizienz-Maßnahmen (z.B. individualisierte Energiespartipps) zurück an den Endverbraucher spielt
  4. Die Datengrundlage für eine Optimierung von multi-energetischen Anlagen bietet
  5. Die Effektivität weiterer Energieeffizienzmaßnahmen ganzheitlich bewerten kann

Über den Autor

Ruben Haas

Co-Founder und CEO von COMGY

Ruben Haas ist Co-Founder und CEO des 2017 in Berlin gegründeten Multi-Metering Anbieters COMGY, der sich der Vision einer klimaneutralen Immobilienwirtschaft verschrieben hat. Auf Basis kontinuierlicher Prozessdigitalisierung und Prozessautomation steigert COMGY die Effizienz und Transparenz bei der Messung, Visualisierung und Abrechnung von Energieverbräuchen in Immobilien. So hebelt das Unternehmen große Einsparpotenziale und ist ein wichtiger Klimapartner für die Immobilienwirtschaft. Das Leistungsangebot von COMGY reicht hierbei von modularen Self-Service (SaaS) Produkten bis zur Full-Service-Dienstleistung. Lösungen von COMGY werden in über 60.000 Wohn- und Gewerbeeinheiten eingesetzt.